Neue Ergebnisse zur Geschichte des Holocausts in der Ukraine
Das „Oral History“-Projekt von Yahad-In Unum und seine wissenschaftliche Bewertung
Patrick Desbois und Edouard Husson
(ce texte est paru dans Johannes Hürter/ Jürgen Zarusky (Hg.), Besatzung, Kollaboration, Holocaust. Neue Studien zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Oldenbourg, Munich, 2008)
Alles hat, wie so oft bei größeren Forschungsprojekten, eher zufällig begonnen. Im Jahr 2003 befand sich Pater Patrick Desbois, Leiter des Amts für die Beziehungen mit der jüdischen Religion bei der katholischen Bischofskonferenz in Frankreich, auf den Spuren seines Großvaters in der heutigen West-Ukraine ( Vgl. den Bericht über die Enstehung des „Oral-History“ Projekts in: Patrick Desbois, Porteur de mémoires, Paris, 2007). Sein Großvater, der im Zweiten Weltkrieg als französischer Kriegsgefangener in einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Rawa Ruska (Stalag 325) untergebracht war, hatte ihm gegenüber einmal eine etwas rätselhafte Anspielung auf tragische Geschehnisse im Lager gemacht: „Für uns war das schlimm genug; aber für andere war das noch viel schlimmer.“ Bei dem Pater hatte sich im Laufe der Zeit die Vermutung verfestigt, es könne sich um Massenmord an den Juden gehandelt haben und daher habe sein Großvater – wie viele Menschen, die den Krieg erlebt hatten – nicht weiter darüber sprechen wollen. Schon 2002 war Patrick Desbois mit ehemaligen französischen Kriegsgefangenen nach Rawa Ruska gereist. Dort hatten sie ihm bestätigt, dass sie Zeugen vom Leiden der Juden gewesen seien. Im Jahr darauf benutzte er die Gelegenheit der Einweihung eines Denkmals für das ehemalige Stalag, um Menschen aus der Gegend über den Massenmord an den Juden zu fragen. Zu seiner großen Überraschung versammelte der Vize-Bürgermeister Rawa Ruskas zahlreiche ältere Menschen, die Zeitzeugen der letzten Erschießung von Juden aus dem Arbeitslager Rawa Ruska am 10. November 1943 gewesen waren. Sie waren in der Lage, genaue Details über die Ereignisse zu geben und das Massengrab zu lokalisieren.
Diese erste unerwartete Erfahrung brachte Patrick Desbois auf die Idee eines „Oral History“-Projekts. Der Vize-Bürgermeister von Rawa Ruska hatte ihm gesagt: Was in einem Dorf Erfolg habe, könne man in hundert Dörfern und Kleinstädten wiederholen. Das war keine Übertreibung. Nachdem er ein Untersuchungsteam aus einer Dolmetscherin, einem professionellen Kameramann, einem Fotografen und einem Ballistikexperten gebildet hatte, begann Patrick Desbois systematisch mit der Suche nach Zeitzeugen, der Sammlung von Interviews und der Lokalisierung von Massengräbern. Nach der 15. Untersuchungsreise Anfang 2008 sind ungefähr 800 Interviews in der Ukraine geführt und 900 Massengräber lokalisiert worden.
Seit 2005 arbeitet das Interview-Team, ein Projekt der 2004 von Patrick Desbois und Kardinal Lustiger gegründeten Gruppe „Yahad-In Unum“, mit Historikern zusammen. So leitet Edouard Husson, der zweite Autor dieses Aufsatzes, seit dem Herbst 2007 an der Universität Paris-Sorbonne ein Seminar über den „Holocaust in der ehemaligen Sowjetunion“. Aus diesem Seminar ist eine Forschungsgruppe hervorgegangen ist, die sich der systematischen Analyse der von Yahad-In Unum in der Ukraine gesammelten Interviews widmet.
Im folgenden Text wird am Beispiel der Kleinstadt Busk in Ostgalizien exemplarisch gezeigt, wie mit den Ergebnissen der Oral History gearbeitet wird. Die Interviews von Zeitzeugen in der Ukraine wären schwer zu bewerten, wenn deren Ergebnisse nicht systematisch mit anderen Quellen konfrontiert würden. Beim ersten Besuch in Busk war die Forschungsmethode noch nicht systematisch entwickelt. Der Fall Busk erschien aber von Anfang an so interessant, dass der Ort bei jeder neuen Reise wieder besucht wurde, um neue Interviews zu führen oder aus den Informationen, die man anderswo gesammelt hatte, zu profitieren. Schließlich ist Busk zu einem Musterfall des Projekts geworden, weil dort eine systematische archäologische Untersuchung unternommen wurde, um die Zeugenaussagen zu prüfen.
Kurze Geschichte einer verschwundenen Welt
Busk ist eine kleine Stadt ungefähr 70 Kilometer von Lemberg/Lviv entfernt. Vor dem Krieg wohnten dort Polen, Ukrainer, Juden und Sinti nebeneinander. Die Juden bildeten 25% der Stadtbevölkerung – noch heute sieht man die Reste des ehemaligen jüdischen Friedhofs mit sehr alten Grabsteinen. 1920 besichtigte Georges Clemenceau die Stadt in Begleitung eines jüdischen Freundes, der auf der Suche des Grabes seines Vaters war. Auch wenn Clemenceaus Bericht von den Vorstellungen der Zeit geprägt ist, bietet er trotzdem eine interessante Beschreibung sowohl der ostgalizischen Landschaft wie der damaligen Vielfalt der Bevölkerung von Busk:
„Busk. Ein sehr armes Dorf ganz am Ende Galiziens an der Grenze mit dem russischen Polen. Das Holz ist überall Schlamm geworden. Wie vom Aussatz befallene Häuser aus zerplatztem Strohlehm, auseinandergehenden Brettern, aus Weißblech oder zerlumptem Zeug. Versumpfte Straßen mit einer Spur aus Knüppelholz, auf welcher der lange Wagen mühsam rüttelt und den leidenden Reisenden von seinem Strohsitz hin und her wirft. Lärmende hinausstürmende Enten und Gänse unter hin und her laufenden schlammigen Stiefeln, aus welchen magere Juden mit einem brennenden Blick unter ihren Talmud-Locken, Ruthenier, deren ungekämmte Frisur von dem Schafpelz, den sie tragen, nicht zu unterscheiden ist, Mongolen, rothaarige, blonde oder dunkle Kalmücken, Slawen unterschiedlicher Herkunft in ihren weißen Arbeitskitteln, mit ihren beiden scheinheiligen blauen Augensternen [Kein Wort fehlt. Clemenceau hat da von seinen Notizen abgeschrieben und war etwas faul]. Ein asiatisches Lager, das im Schlamm plötzlich steckengeblieben ist. Und der Aussicht würde noch etwas fehlen, wenn man die Zelte auf der Wiese nicht erwähnen würde, neben welchen ein Volk halbnackter Zigeuner im halben Schlaf liegt.“ ( Georges Clémenceau, Au pied du Sinaï, Paris, 1920, p.147 et suivantes).
Seit Beginn der Arbeit sammelt die Forschungsgruppe vor jeder Untersuchungsreise Informationen aus allen möglichen Quellen, aus jüdischen Gedenkbüchern, ( Für Busk: Abraham Shayari (Hg.), Sefer Busk, le-zehrer ha-kehila she-harva, Haïfa, 1965), Erzählungen der Überlebenden ( Thomas F. Hecht, Life Death Memories, Charlotteville, 2002), aus den NS-Quellen, aus den Akten der früheren Zentralstelle der bundesdeutschen Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg – und immer systematischer, wie noch gezeigt wird, aus den sowjetischen Quellen. Die Beschreibung Clemenceaus ist ein gutes Beispiel für die Entdeckungen, die dabei möglich sind. Der Bericht ist umso interessanter, weil er voll mit zeitgenössischen Klischees über die „Ostjuden“ und die „asiatischen“ Völker ist – obwohl er vom ersten großen Verteidiger von Dreyfus stammt. Der Text ist ein Beleg dafür, dass Hinweise auf antijüdische oder rassistische Vorurteile, wie sie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gängig waren, nicht genügen, um die Dynamik einer genozidalen Mentalität zu erklären. Im Laufe der Untersuchung sind wir bei vielen unserer Zeitzeugen auf ähnliche Vorurteile gestoßen. Nur wenige Befragte sind Überlebende; die meisten sind nichtjüdische Ukrainer, die entweder Zuschauer der Erschießungen waren oder von den Tätern für kleine Hilfsarbeiten bei der Vorbereitung eines Massenmordes requiriert wurden. Ihre Erzählungen sind nicht immer frei von (den damaligen) Vorurteilen gegenüber den Juden, was sie trotzdem nicht daran hindert, ein echtes Mitleid mit den Opfern zu empfinden. Auch bei Menschen, die unter dem Stalinismus oder dem Nationalsozialismus gelitten (aber überlebt) hatten, hörten wir Kommentare, die an die Äußerung des Großvaters von Patrick Desbois erinnern („Für andere war es noch schlimmer“). Die Zeitzeugen sind fast immer in der Lage, zwischen dem eigenen Leiden und demjenigen anderer Opfer zu unterscheiden. Und auch die nach dem Holocaust übrig gebliebenen Klischeevorstellungen über die Juden informieren uns über die „graue Zone“, in welcher sich der Genozid an den Juden entfalten konnte.
Der von der Abneigung eines Voltaire gegenüber jedem von der Religion geprägten Milieu beeinflusste Mediziner und Politiker Clemenceau beschrieb nur einen Teil der Wahrheit über Busk vor dem deutsch-sowjetischen Krieg. Die Stadt war nicht ganz so arm, wie der ehemalige französische Président du Conseil sie schilderte: In Busk befand sich ein Schloss des Grafen Badeni, dessen Name durch die Badeni-Bierbrauerei bekannt war. In Busk lebten die Juden schon seit Jahrhunderten( Vgl. PInkas Hakechillot, Encyclopedia of Jewish Communities, Poland, Vol.2, Eastern Galicia, hrsg. Von Yad Vashem, Jerusalem, 1980, p.82): die erste Synagoge wurde 1502 aufgebaut. Im 19. Jahrhundert verbreiteten sich neue religiöse Strömungen. Am stärksten war die Variante des Chassidismus aus Belz und Olesko vertreten( Belz ist heute eine kleine ukraisnische Stadt, die an der polnische Grenze liegt. Eine jüdische Gemeinschaft ist dort seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Der erste chassidische Rabbiner und Gründer einer Dynastie hiess Shalom aus Belz.). 1921 wurde eine kleine jüdische Schule gegründet, in der auf hebräisch unterrichtet wurde. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten zwei jüdische Ärzte und drei jüdische Anwälte in Busk. Die jüdische Gemeinschaft der Stadt hatte auch ein Waisenhaus eingerichtet. In den 1920er und 1930er Jahren war diese kleine Stadt repräsentativ für die Vielfalt des jüdischen Lebens in Polen. Alle bekannten jüdischen religiösen oder politischen Strömungen waren dort vertreten.
Busk blieb die Zunahme des Antisemitismus im Polen der 1930er Jahre nicht erspart. Es kam zu Boykotten der jüdischen Geschäfte, Läden wurden bei antisemitischen Ausschreitungen zerstört. Trotzdem gehörte eine systematische antijüdische Gewalt der Vergangenheit an. Die letzten Morde an Juden hatten im 17. Jahrhundert stattgefunden, als die Truppen von Bogdan Chmielnicki 1649 in Busk ungefähr hundert Menschen töteten. Der Zweite Weltkrieg brachte dann das jähe Ende des jüdischen Lebens in Busk. Als Yahad-In Unum 2004 mit seiner Untersuchung begann, lebten schon seit 61 Jahren keine Juden mehr in der Stadt.
Deutsche Besatzung und antijüdische „Aktionen“
Als die Wehrmacht am 1. Juli 1941 Busk eroberte, lebten etwa 1900 Juden in der Stadt. Sie blieb einige Wochen unter Militärverwaltung, bis er im August 1941 in die Kreishauptmannschaft Kamionka Strumilowa im Distrikt Galizien des Generalgouvernements integriert wurde ( Der erste Kreishauptmann war Wilhelm Rebay von Ehrenwiesen. Ab dem Sommer 1942 war sein Nachfolger Joachim Nehring. Wegen Mangels an Beweisen wurde Ehrenwiesen nie vor Gericht gestellt. Nehring musste sich vor der Justiz der Bundesrepublik verantworten, wurde aber 1981 von einem Gericht in Stade freigesprochen). Schon Mitte Juli 1941 wurden im Wald von Jabluniv durch Mitglieder der Einsatzgruppe C, die zu dieser Zeit in Lemberg stationiert war, neben zwei Ukrainern 28 sogenannte „jüdische Intellektuelle“ aus Busk erschossen ( Alexander Krugolv, The losses Suffered by Ukrainian Jews in 1941-1944, Kharkov 2005, s.119. Wir bedanken uns bei Martin Dean und Alexander Kruglov, dass sie uns Einblick in ihren Text über Busk für die noch nicht veröffentliche Encyclopedia og Ghettos gegeben haben). Ab Oktober 1941 wurden die „antijüdischen Aktionen“ von der Sipo-Außenstelle Sokal, die dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) in Lemberg untergeordnet war, befohlen und mit Hilfe der in Busk stationierten deutschen Gendarmerie und ukrainischen Polizei durchgeführt ( Die Sipo-Aussenstelle Sokal wurde bis Mai 1942 und dann bis Oktober 1943 vom SS-Obersturmführer Heyduk geleitet. Block starb im August 1944. Heyduk wurde am 13.Juli 1949 durch ein Münchner Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Die ukrainische Polizei wurde von Lehrer Roman Czuczman geleitet.)
Im Juli 1941wurde ein Judenrat in Busk eingerichtet. Die Juden wurden registriert und teilweise von der Organisation Todt und der Wehrmacht als Zwangsarbeiter eingesetzt. Am 21. September 1942 wurden unter der Führung der Sipo aus Sokal 600 Juden festgenommen und nach Kamionka Strumilowa gebracht, wo sie zusammen mit ungefähr 2000 Juden aus Kamionka, Radziechow und Uslowoe (Batewo) erschossen wurden (Krugolv, Losses, s.122). Ende Oktober 1942 wurden Juden aus den umgebenden Dörfern nach Busk gebracht. Insgesamt lebten zu dieser Zeit in Busk und der unmittelbaren Umgebung noch ungefähr 2000 Juden. Anfang Dezember 1942 wurde offiziell ein „Zweistraßenghetto“ in Busk eingerichtet. Schon im Januar 1943 wurden alle kranken Juden aus dem Ghetto ermordet ( Kruglov, LOsses, s.123 und Anm.63).
Am 21. Mai 1943 wurde die noch in Busk lebende jüdische Bevölkerung zum Opfer der „Endlösung“. Ungefähr 1200 Menschen wurden im jüdischen Friedhof ermordet und 300 in das Janowska Lager in Lemberg gebracht (Hecht, Life, s.115-118). Am 7. Juni 1943 konnte Kreishauptmann Nehring verkünden, dass die Stadt Busk „judenfrei“ sei. Von der jüdischen Präsenz in Busk zeugen heute nur noch der Friedhof, in welchem Georges Clemenceau seinen jüdischen Freund begleitet hatte, und die alte Synagoge, die vor kurzem restauriert wurde, heute aber von einer evangelischen Gemeinschaft benutzt wird.
Die erste Zeitzeugin: zielbewusst zum Erschießungsort
Beim ersten Besuch in Busk Ende April 2004, ganz am Anfang des Projekts, wusste die Forschungsgruppe nur, was wir gerade geschildert haben: alle Informationen, die aus der Literatur und den Nachkriegsprozessen zu entnehmen sind. Und sie verfuhr, wie sie es immer noch macht, wenn sie einen noch nicht untersuchten Ort besucht. Zunächst suchte sie nach einem Mittelsmann, der den Kontakt zu Zeitzeugen herstellen konnte. Der Bürgermeister führte Patrick Desbois und sein Team zu einer Angestellten des Katasteramtes, die sie dann zu einer ersten Zeitzeugin begleitete, zu Anna, 1929 geboren, die in der Schewtschenko-Straße wohnte. Mit der Angestellten und Anna entdeckte die Forschungsgruppe zum ersten Mal die Reste des jüdischen Friedhofes: einige zerstreute Grabsteine auf einer Wiese ( Später zeigte ein Kind der Forschungsgruppe auf einer anderen Wiese, wie mit jüdischen Grabsteinen ein Weg für Kühe geebnet worden war, seitdem sind auf Initiative von Yahad die Steine in den Friedhof zurückgebracht worden).
Mit den glaubwürdigen Zeitzeugen wird immer die selbe Erfahrung gemacht: Sie laufen zielbewusst bis an den Ort der Geschehnisse. Anna war mit einigen Freunden in einer Scheune hinter dem jüdischen Friedhof versteckt, als dort 1943 Juden erschossen wurden (Die Interviews mit den Zeitzeugen werden demnächst im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Yahd in Unum und der Universität Paris-Sorbonne für die akademische Forschung zugänglich gemacht. Informationen hierzu unter www.yahdinunum.org . Auschnitte aus den Interviews mit Anna finden sich in Desbois, Porteur de mémoires, s.240-243). Sie konnte, was nicht allen Zeitzeugen möglich ist, das Datum geben, weil sie sicher war, damals vierzehn Jahre alt gewesen zu sein. Die Forschungsgruppe hatte dieses Mal Glück, denn sie bekam von dieser Zeitzeugin Informationen über die letzte „Aktion in Busk“. Und wie alle echten Zeitzeugen, die im Rahmen des Projekts befragt wurden, brachte Anna Informationen, die in keiner anderen Quelle – mit Ausnahme der Überlebendenerzählungen – zu finden waren.
Sie erinnerte sich noch genau daran, dass sich unter den Opfern ein Junge in ihrem Alter befand, der wusste, dass sie sich versteckt hatte und alles beobachtete. Er winkte ihr, kurz bevor er erschossen wurde, schreiend: „Das Leben ist aus! Lebewohl!“ Immer wieder können durch die Interviews einige der letzten Worte der Opfer gesammelt werden. Dass die Zeitzeugen sie noch in Erinnerung haben, ist deshalb wichtig, weil die Erzählungen oft um sie strukturiert werden: Für Anna war die Erinnerung an diesen einprägsamen Schrei der Verzweiflung ein Impuls, sich ganz konkret an die Szenen, die sie erlebt hatte, zu erinnern. Sie ging den Ort der Erschießungen ab und zeigte uns: „Hier war es, hierher wurden sie gebracht. Sie mussten ganz schnell bis hier laufen, sonst wurden sie geschlagen – auch die älteren. Einige konnten kaum gehen.“ Allmählich fielen ihr Einzelheiten ein: „Sie waren auf einem Wagen bis zum Eingang des Friedhofs gebracht worden. Einige waren schon tot.“
Im Laufe ihrer Untersuchung verstand die Gruppe besser, was Anna mit den Menschen auf dem Wagen, die schon tot waren, meinte: Der Pferdewagen gehörte Einwohnern, die den Auftrag bekommen hatten, nicht nur die älteren Menschen von dem Sammlungsort bis zu dem Erschießungsort zu transportieren, sondern auch die Leichen der schon bei der Hausdurchsuchung am Anfang der „Aktion“ ermordeten Juden bis zum Massengrab zu bringen. In Iltsi in der Karpato-Ukraine trafen wir im August 2005 einen Zeitzeugen namens Fedor ( Patrick Desbois/Edouard Husson (Hg.), Les fusillades massives des Juifs en Ukraine 1941-1944. La Shoah par balle. Memorial de la SHoah/DDJC, 2007, s.56 und begleitende CD-ROM mit dem Interview von Fedor.), der 1942 vierzehn Jahre alt war und von den Tätern den Auftrag bekam, mit zwei anderen Jugendlichen die Leichen der ersten Opfer einer antijüdischen Mordaktion, aber auch die in einem Keller eingesperrten und ausgehungerten Juden aus einem Nachbardorf auf den Wagen seines Vaters zu laden und zum Massengrab am Stadtrand zu fahren. Fedor konnte sich noch genau daran erinnern, wie der SS-Offizier, der an diesem Tag mit der Mordarbeit beauftragt war, eine Pause machte, wenn der Pferdewagen angekommen war, und die Gelegenheit nutzte, um Schnaps zu trinken und Wurst zu essen. Über die Zeitzeugen erfahren wir unzählige Details, die zu einer „Alltagsgeschichte des Massenmordes“ beitragen können.
Zurück zu Busk: Anna führte die Gruppe bis zum Bachufer: „Hier mussten die Juden sich ganz ausziehen und ihre Kleider auf den Boden legen. Die Frauen warfen ihren Schmuck ins Wasser. Als die Deutschen das bemerkten, wurden sie wütend und die Juden mussten sich etwas abseits vom Bach ausziehen.“ Dann kletterte Anna auf eine Schräge und erklärte: „Da wo ich stehe, genau unter meinen Füßen, wurden sie einzeln von hinten erschossen.“
Die Zeugenaussagen ermöglichen eine „Alltagsgeschichte“ des Judenmords
Die Erzählung Annas erschien glaubwürdig, aber sie musste durch andere Zeugenaussagen bestätigt werden. Ein Jahr später, im Mai 2005, waren Patrick Desbois und sein Team wieder in Busk, um einen der Freunde von Anna, die sich damals mit ihr in der Scheune versteckt hielten, zu befragen. Anton Davidovich ( Vgl. desbois, Porteur, s.245 ff) erzählte, dass er mit Anna (und drei anderen Kindern) gemeinsam nicht nur einmal, sondern mehrmals von der Scheune aus Erschießungen beobachtete. Er konnte den genauen Ort von sieben Massengräbern zeigen, an die er sich erinnerte. Er konnte sich auch erinnern, dass während der „Aktion“ im Mai 1943 ukrainische Polizisten unter der Führung von deutschen Polizisten ( Die Zeitzeugen können selten sagen, ob es sich um Sipo, Ordnungspolizei oder andere Einheiten handelte.) geschossen hatten. Er bestätigte die Erzählung Annas: Ältere Juden, die nicht gehen konnten, wurden schon im Ghetto erschossen – und es waren nicht wenige. Ukrainische Bauern – u.a. sein Cousin – mussten die Leichen auf ihren Pferdewagen bis zum Erschießungsort transportieren.
Bei ihren Untersuchungen konnte die Forschungsgruppe immer wieder feststellen, dass die Judenerschießungen nie das einfache Gegenüber von Tätern und Opfern bedeuteten. Tausende Kilometer vom Reich entfernt, mit wenig Ausrüstung und viel Freiraum in den praktischen Entscheidungen, waren die nationalsozialistischen Täter auf die Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung angewiesen: Es mussten Leichen aus den aufgelösten Ghettos transportiert, Gräber ausgehoben und zugeschaufelt, Kleider und andere Hinterlassenschaften der Opfer sortiert werden – um nur die wichtigsten anfallenden Tätigkeiten zu nennen. Diese Realität wird in den anderen Quellen kaum berücksichtigt.
Anton erzählte weiter: Eine Nachbarin von ihm, eine Polin, habe eine Jüdin versteckt, um sie für sich als Haushilfe zu bewahren. Als eines Tages deutsche Polizisten, die auf der Suche nach versteckten Juden waren, an ihrem Haus vorbeigegangen seien, habe die Frau „ihre Jüdin“ denunziert. Anton erinnerte sich noch an eine andere Episode, die keine andere Quelle liefern würde: Die „deutschen Polizisten“ ( Nach den Aussagen waren es Polizisten aus Busk, also von der „deutschen Gendarmerie“, die dort stationiert war. Die Frage ist allerdings, ob sich ausser den Mitgliedern der Sicherheitspolizei auch andere Polizisten einen solchen Verstoss gegen die deutschen Rassengesetze leisten können) behielten 30 jüdische Frauen für sich, mit denen sie Beziehungen hatten. „Als die Rote Armee vorrückte, sind Polizisten aus Sokal gekommen – weil die Polizisten von Busk die Frauen, die meistens schwanger waren, nicht selbst erschießen wollten – und haben sie in einem Wald, 5 Kilometer entfernt, erschossen.“ Die von Anton Davidovich berichtete Episode ist dem Forschungsteam ein Jahr später in Tschutschmany, einem kleinen Ort sechs Kilometer von Busk entfernt, von einer Zeitzeugin bestätigt worden.
Der Massenmord fand oft mitten in den Wohnorten statt
Eine dritte Zeitzeugin aus Busk war Evgenia, die Tochter eines Geigers ( Wiedergabe des Interviews in: Desbois, Porteur, s.276-287). Ihre Geschichte zeugt von einer verschwundenen Welt. Ihr Vater beherrschte sowohl jüdische Musikstücke wie deutsche Tänze oder traditionelle polnische Lieder. Sie selbst erzählte noch 2005 mit Begeisterung, wie sie vor dem Krieg jeden Samstag, zum Shabbat, die Rolle des Schabbes-Goj (Dieses jiddsiche Wort bezeichnet eine nichtjüdische Person, die einer jüdischen Familie bei der Vorbereitung des Shabbats (zb beim Kochen oder beim Kerzenanzünden) hilft) bei der jüdischen Familie Havner gespielt habe. Evgenias Vater wurde dann von dem Desjatnik ( Der Desjatnik war in der Stadt- oder Dorfverwaltung im Auftrag des Bürgermeisters für zehn Häuser verantwirtlich. In Kleinstädten oder auf dem Land erwähnen die Zeitzeugen ständig diese Funktion, die bisher von der historischen Forschung wenig berücksichtigt wurde. Dieses Amt gab es im Zarenreich seit dem 17. Jahrhundert; es war eine Pflichtaufgabe, die nicht bezahlt wurde. Der Desjatnik war nicht nur dem Bürgermeister, sondern auch den regionalen Behörden unterstellt. Die Sowjetunion und offensichtlich auch die deutschen Besatzungsbehörden änderten daran nichts. Die Nutzung der sowjetischen Verwaltungsstruktur für den Holocaust ist ein Desiderat der Forschung) der Straße, in der ihre Familie wohnte, rekrutiert, um die Gräber auszuheben und dann zuzuschaufeln. Durch Evgenia und viele andere Zeitzeugen verstanden wir allmählich, dass bei größeren Erschießungen die Gräber nie von den künftigen Opfern, sondern, oft mehrere Tage vorher, von nichtjüdischen Einheimischen ausgehoben wurden.
Evgenia und ihre Mutter wussten nicht, was aus dem Vater werden würde, nachdem er so in Anspruch genommen worden war. Sie folgten den rekrutierten Zivilisten in einem gewissen Abstand. Die Mutter konnte sich aber nirgendwo verstecken und nur Evgenia blieb, um die Vorbereitung und Vollstreckung der Exekutionen zu beobachten. Evgenia ist eine glaubwürdige Zeitzeugin: Sie erfindet keine Details über die Mordszene, sondern gibt eine Information, die aus keiner anderen Quelle als der Erzählung einer Zeitzeugin stammen könnte. Die Erschießung konnte sie kaum sehen, da viele Menschen anwesend waren und den Blick verstellten. Auch andere Zeitzeugen bestätigten immer wieder, dass an den Mordstätten Menschenmengen standen, neben den Opfern und den Tätern die requirierten „kleinen Helfer“ und oft auch unbeteiligte Zuschauer. Der Holocaust war in der ehemaligen Sowjetunion kein Geheimnis. Viele Erschießungen ereigneten sich mitten in den Dörfern und Städten – je mehr, desto größer die Angst vor Partisanen in den Wäldern wurde. Es gab unzählige Zeugen, von denen die Forschungsgruppe von Yahad-In Unum die letzten Überlebenden befragen kann.
Der nächste bedeutende Zeitzeuge, der von dem Forschungsteam interviewt wurde, hieß Stepan Davidovski ( Transkription des Interview in Desbois, Porteur, s.265-275). An seinem Beispiel erfährt man, dass ein Zeitzeuge sehr präzise Darstellungen bieten kann. Als Sohn eines griechisch-katholischen Diakons war er in einem gebildeten Milieu aufgewachsen. Stepan hatte sehr präzise Erinnerungen an den Alltag der Juden und wusste noch, wie mehrere der Holocaustopfer hießen: Pavel Koval, der Flaschenpackungen herstellte; Niukhim, der Bauer; Havner, der einen Laden hatte; Chmul, der Milch verkaufte usw. Er ließ durch seinen Vortrag eine verschwundene jüdische Welt lebendig werden. An seiner Erzählung wie der vieler anderer Zeitzeugen wurde klar, wie die verschiedenen religiösen und nationalen Gruppen miteinander verflochten waren. Das galt – trotz der antisemitischen Vorbehalte – auch für die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden. Stepan Davidovski brachte erstmals ein Gefühl zum Ausdruck, das die Gruppe im Laufe der Untersuchung noch des öfteren bei den Zeitzeugen finden konnte: das Gefühl des Verlusts einer ganzen Welt, geprägt von Vielfalt und (oft schwierigem) Zusammenleben zwischen Gemeinschaften, die selten einträchtig und doch niemals getrennt lebten.
Stepan Davidovski erinnerte sich an die Einrichtung des Judenrats und der jüdischen Polizei, an die Bildung des Ghettos und die Einführung des gelben Sterns. Er konnte noch sehr genau beschreiben, wie täglich die Arbeitskommandos, von deutschen Soldaten und der jüdischen Polizei begleitet, das Ghetto verließen, um im Straßenbau zu arbeiten. Auch nach Errichtung des Ghettos arbeitete Stepan in der Limonadenfabrik, die sich dort befand. Er konnte sich im Gegensatz zu den jüdischen Bewohnern frei bewegen. Durch die Zeugenaussage Stepans lernt der Historiker die Stadtverwaltung, die Beziehungen zwischen dem Judenrat und der Gendarmerie sowie viele andere Aspekte der Besatzungszeit kennen. Stepan konnte noch genau angeben, dass während des Krieges insgesamt dreihundert Deutsche in Busk lebten.
Vermutlich hatte das Forschungsteam in Busk viel Glück mit den Zeitzeugen, denen es begegnete. Nie sonst begegnete Patrick Desbois einem Zeitzeugen, der sich an so viele Einzelheiten erinnerte wie Stepan Davidovski und der dem Historiker ein so große Hilfe war, die gesammelten Erzählungen besser einzuordnen. Die Qualität der Zeugenaussagen in Busk machte der Gruppe noch etwas Anderes bewusst: die unterschätzte Qualität der von der Sowjetunion am Ende des Krieges gesammelten Informationen.
Die unterschätzten sowjetischen Quellen
Parallel zu ihren Untersuchungen in Ostgalizien begann Yahad-In Unum damit, das Material der sowjetischen Kommissionen von 1944/45 zu den Orten auszuwerten, die ihre Forschungsgruppe besuchte. In Busk hatte die sowjetische Staatsanwaltschaft im Jahr 1944 kurz nach der Befreiung des Ortes ukrainische Zeitzeugen befragt ( Vgl. GARF, 7021, Opis 67, DElo 82. Vgl. auch US Holocaust Memorial Museum, Washington, RG-22.002M, Reel 13). Sie wohnten in der Schewtschenko Straße am jüdischen Friedhof, in welcher auch die meisten der von Patrick Desbois befragten Zeitzeugen lebten. Ohne es zu ahnen, klopfte das französische Team an den selben Türen wie der sowjetische Staatsanwalt sechs Jahrzehnte zuvor. Außer der Tatsache, dass man die Straßennummern inzwischen gewechselt hatte, stimmten die Aussagen aus den Jahren 2004 bis 2006 mit den damaligen Erzählungen überein. Zum Beispiel wurde 1944 der Friedhofswächter Ivan gefragt – sein Haus stand am Friedhof und existiert heute nicht mehr. Seine Erinnerung ist derjenigen von Anton Davidovich sehr ähnlich: „Die ukrainische Polizei und vier bis fünf Deutsche haben über eine Woche lang in einem Laster Juden zu einem schon vorbereiteten Grab gebracht. Die nackten Juden mussten vor dem Grab sitzen und wurden mit Selbstfeuerwaffen erschossen. Alles geschah tagsüber, und die Einwohner wurden davon Zeugen. Viele Juden wurden ermordet. Wie viele kann ich nicht sagen. Alle Juden liegen in mindestens zehn Gräbern in der Nähe des jüdischen Friedhofs. Ich kann alle Gräber identifizieren.“ ( GARF, 7021, Opis 67, Delo 82, s.57).
Chaivna Beresia Praskovia, eine Frau, die Hausangestellte bei den Deutschen war und abends ihre Gespräche über die Erschießungen hörte, hatte sehr präzise Erinnerungen ( ebenda, s.55). Sie kannte noch die Namen vieler deutscher und ukrainischer Polizisten: „Ich weiß, wer die Juden ermordete, denn sie [d.h.. die Deutschen] erzählten ganz stolz davon, wenn sie nach Hause kamen, und sagten immer, wie viele Juden sie persönlich ermordet hatten.“ Chaivna Praskovia ist auch eine zuverlässige Quelle für die Chronologie der Erschießungen.
Nach den sowjetischen Quellen wohnte in der Schewtschenko-Straße 25 Stanislav Podgalitch, der Desjatnik für diese Straße (ebenda, s.58). Die meisten der von Yahad befragten Zeitzeugen erinnerten sich daran, dass er es war, der die Juden aufgefordert habe, sich zu versammeln. Der Desjatnik habe dabei im Auftrag des Bürgermeisters gehandelt. In seiner Aussage bezeichnete Podgalitch dagegen den Chef der deutschen Gendarmerie in Busk als den eigentlichen Auftraggeber: „Während der deutschen Besatzungszeit arbeitete ich als Desjatnik in Busk in der Schewtschenko-Straße . Im Mai 1943 – ich kann mich an das genaue Datum nicht mehr erinnern – kamen zu mir deutsche Gendarmen auf Befehl des Leutnants Ludwig Lehner, der Befehlshaber nicht nur für die Gendarmerie, sondern auch für die anderen stationierten Deutschen in Busk war. Sie forderten mich unter Androhung der Todesstrafe dazu auf, Einwohner des Ortes in die Nähe des jüdischen Friedhofes zu schicken, damit sie an der Vorbereitung der Gräber mitarbeiteten. Unter dieser Androhung folgte ich den Befehlen, und als die Gräber bereit wurden, führten ein deutscher Gendarm namens Maier, andere deutsche Gendarmen und andere ukrainische Polizisten die Juden aus dem Ghetto bis zu den Gräbern, wo sie sich ganz ausziehen mussten. Sie mussten ihre eigenen Kleider auf einen Haufen legen, und zehn auf einmal (oder etwas mehr) mussten vor dem Grab knien, bevor sie durch Selbstfeuerwaffen erschossen wurden. Die Erschießungen dauerten über eine Woche. Über tausend Juden wurden unter den Augen der Dorfbewohner ermordet, ohne dass man sich den Gräbern nähern konnte. Die Stadteinwohner und ich als Desjatnik mussten dann die Leichen begraben. Insgesamt gibt es ungefähr zehn Massengräber im jüdischen Friedhof, in denen die Leichen der Juden begraben liegen.“
Die Bestätigung durch die Archäologie
Nur durch den Vergleich zwischen den verschiedenen Quellen kommt man allmählich zu einem vollständigen Bild der Geschehnisse in Busk. Bevor die Forschungsgruppe vor Ort mit ihren Untersuchungen beginnt, bemüht sie sich, die Informationen aus den Berichten der Überlebenden (Die Interviewsammlung von Yahad wird allmählich bekannter, und wir erhalten immer mehr Berichte aus der ganzen Welt, die von Überlebenden oder ihren Verwandten stammen. Sie werden in den nächsten Jahren der Forschung zugänglich gemacht werden), aus den nationalsozialistischen Quellen, aus den westdeutschen Nachkriegsquellen und (immer mehr im Laufe der Untersuchung) aus den sowjetischen Quellen zu erschließen. Erst am Ende der Konfrontation des Archivmaterials mit den Interviews unserer Zeitzeugen verstanden wir, was Anton meinte, als er sagte, die Erschießungen der „letzten Aktion“ gegen die Juden habe mehrere Tage gedauert, weil sich viele der Opfer versteckt hätten. Die Konfrontation der Erinnerungen mit dem Archivmaterial genügte aber noch nicht, um die ganze Wahrheit über den Holocaust in Busk zu ermessen.
Nachdem das Forschungsteam drei oder vier Zeitzeugen gefunden hat, die sich über den Ort der Erschießungen einig sind, sucht gewöhnlich der Ballistik-Experte des Teams mit einem Metalldetektor nach leeren Patronenhülsen. Häufig stößt er auch auf andere Metallobjekte wie Eheringe, die ein wichtiger Beweis für die Echtheit der Zeugenaussagen sind. Im Laufe der Untersuchung sind auch viele Objekte aus jüdischen Werkstätten, etwa Gläser und Tassen, gefunden worden (Desbois/Husson (Hg.), Fusillades). In Busk hatte die Forschungsgruppe aber eine solche Fülle an Informationen gesammelt, dass man sich dazu entschloss, noch einen Schritt weiter zu gehen und archäologische Ausgrabungen zu machen.
Als Jacques Fredj, der Direktor des französischen Memorial de la Shoah/Centre de Documentation juive Contemporaine, Patrick Desbois fragte, welcher Ort geeignet für archäologische Ausgrabungen sei, durch die die Bedeutung der Forschung von Yahad verdeutlicht werden könnten, einigte sich die Gruppe auf Busk. Die Einwohner hatten nämlich dafür gesorgt, dass die Massengräber nie Ziel von Plünderern wurden. Aus allen Häusern im Dorf hat man eine Aussicht auf den Friedhof. Daher traute sich nach dem Krieg kein Goldsucher nach Busk, während Yahad-In Unum an anderen Orten auf geplünderte Gräber gestoßen ist.
Nachdem Yahad über den Ort der archäologischen Untersuchung entschieden hatte, musste ein orthodoxer Rabbi gefunden werden, der vom jüdischen religiösen Standpunkt die Gesetzmäßigkeit der Untersuchung zu prüfen hatte. Im Juni 1990 hatten die Beauftragten eines australischen Gerichts, das sich mit dem Fall des ehemaligen Dorfförsters Ivan Polyukhovich befasste, eine archäologische Untersuchung im Dorf Serniki in der Nähe von Riwne (Rowno) durchgeführt ( Siehe z.B. den Bericht unter www.sydneyjewishmuseum.com: Unearthing the Holocaust, s.4 ff).Damals musste man nicht auf religiöse Vorschriften achten, weil die Sowjetunion offiziell ein atheistischer Staat war. Die neu erworbene Freiheit macht archäologische Ausgrabungen in diesem Bereich schwieriger. Das Forschungsteam Yahads, das die Ausgrabungen beim Archäologischen Institut von Lviv in Auftrag gab, konnte aber schnell feststellen, dass die Achtung auf jüdische religiöse Vorschriften nicht nur Nachteile hat: Die Archäologen der Universität Lviv waren gezwungen, höchst sorgfältig zu arbeiten, da sie unter der Aufsicht des Sohnes des Gründers der Organisation Zaka, Meshi Zahav, arbeiteten. Die menschlichen Reste dürfen nicht angerührt werden, da sie nach dem jüdischen Glauben auf die Auferstehung der Toten warten. Die Achtung auf eine solche Vorschrift hatte nicht nur eine besonders vorsichtige archäologische Arbeit zur Folge, sondern auch, dass der Überblick über die unberührten menschlichen Überreste erstaunliche Informationen über die Erschießungen lieferte.
Das Team war in Busk aufgrund der Zeugenaussagen davon ausgegangen, sieben bis zehn Gräber zu finden. Sobald der Archäologe aber das Gelände betreten hatte, das von den Zeitzeugen einstimmig als Ort des Massakers „der letzten Juden im Busk“ bezeichnet worden war, konnte er siebzehn Gräber identifizieren. Diese Zahl wurde in den drei Wochen der archäologischen Ausgrabungen im August 2007 bestätigt ( Der vom archäologischen Institut Lviv verfasste Ausgrabungsbericht befindet sich im Archiv von Yahad In Unum.)
Die Befunde nach der Öffnung der Gräber bestätigten und ergänzten die Zeugenaussagen. Überall in den von Yahad untersuchten Orten erzählen die Zeitzeugen, dass nicht alle Opfer sofort gestorben seien. Viele seien nur verletzt worden. Eine der häufigsten Äußerungen der Zeitzeugen in der ganzen Ukraine ist: „Drei Tage nach der Erschießung bewegte sich der Boden noch.“ Aus den offenen Massengräbern können wir die tragische Wahrheit dieser Aussage besser erfassen: Viele Körper sind mitten im vergeblichen Versuch, sich aus den tiefen Gräben zu befreien, vom Tod erfasst worden. Ein Arzt erkannte sofort auf unseren Aufnahmen ( Am 3. Oktober 2007 fand an der Sorbonne eine Tagung statt, die sich mit den archäologischen Ergebnissen der Untersuchung von Yahad in Unum befasste. Ihre Ergebnisse werden im Herbst 2008 in der Revue Histoire, économie et société veröffentlicht). dass mehrere Opfer erstickt sind. Und der Forscher bleibt sprachlos vor dem leicht zu identifizierenden Bild jener Mütter, die kurz vor ihrem qualvollen Ende versuchten, ihre kleinen Kinder oder Säuglinge gegen die auf sie geschaufelte Erde in den Gräbern zu schützen.
Die graue Zone, in welcher die nichtjüdischen Zeugen sich befinden
Die Interviews verdeutlichen, in welcher grauen Zone sich viele unserer Zeitzeugen befanden: Dieselben Menschen, die oft mit vollem Mitleid das Schicksal der Opfer beschreiben, haben zur Tatzeit eventuell den Tod der Opfer durch das Zuschütten der Gräber beschleunigt oder durch irgendeinen anderen kleinen Auftrag zum Funktionieren der Mordmaschine einen Beitrag geleistet. Die nichtjüdischen ukrainischen Zeitzeugen sind nicht einfach einzuordnen: einige waren „kleine Helfer“, andere passive Zuschauer, wieder andere haben Juden gerettet. Zwischen den Tätern und den Opfern lässt die Untersuchung Yahads eine komplexe Gruppe erscheinen, die sich in der beschriebenen Grauzone bewegte. Für sie trifft der Begriff „bystander“ nicht zu.
Die Anwesenheit von kleinen Kindern und Säuglingen in den Massengräbern ist ein weiterer Beweis für den Genozid. Die archäologische Untergrabungen haben wesentlich zu dem Zusammenwirken der Beweise, das durch das „Oral History“-Projekt von Yahad möglich wird. Weder die NS-Quellen noch die sowjetischen Berichte noch die Nachkriegsprozesse noch die Erzählungen der Überlebenden noch die von Patrick Desbois und seinem Team gesammelten Interviews können vereinzelt als zwingender Beweis der Geschehnisse benutzt werden. Alle diese Quellen zusammen, ergänzt durch die Sammlung von Objekten und (im Fall von Busk) durch archäologische Ausgrabungen, lassen plötzlich die Realität des Genozides im Osten Europas im klaren Licht erscheinen: es geht um die Rekonstituierung eines Massenmordes, der systematisch, aber nicht so „industriell“ wie in den Vernichtungszentren Polens, mitten im totalen Krieg aber unter den Augen von Tausenden von Zeugen geführt wurde.
Mercredi 12 Novembre 2008
Patrick Desbois et Edouard Husson
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